Was ist eigentlich ein Interim-Manager? Die Frage ist falsch gestellt. Sie müsste heißen: welchen hätten Sie denn gern? Denn die Welt des Interim-Managements ist bunter als gedacht. Hier der Versuch einer Einordnung.

Der Bodenständige

Entfernt sich nur ungern von seinem Wohnsitz, bleibt in seinem idiomatischen Distrikt, verwurzelt mit seiner Region und seinen Eigentümlichkeiten. Kommt bei seinen Kunden gut an, weil er sich nahtlos in das soziale Gefüge der Belegschaft einfügt. Ist bescheiden, trumpft nicht auf, verschmilzt rasch mit der Gruppe seiner Kollegen und wird schon bald nicht mehr als Externer, sondern als einer der Ihren wahrgenommen. Sucht keine aufregenden, herausfordernden Mandate, sondern eher die Standardaufgaben, die immer anfallen und erledigt werden müssen. Er macht seine Sache gut, bringt gelegentlich auch neue Anregungen, sorgt aber in erster Linie für Kontinuität. Er muss keine besonderen Fertigkeiten mitbringen. Sein Honorar ist angemessen, nicht übertrieben, nicht zu teuer. Seine typischen Mandate haben kurze Laufzeiten von wenigen Monaten. Man findet ihn eher in kaufmännischen Verwaltungsbereichen, weniger in der Produktion. Seine Klientel sind kleine bis mittlere Unternehmen. Seine Aufträge bezieht er über Empfehlungen, gelegentlich auch über lokale Banken und Sparkassen, seltener über Provider.

Der Eisenfresser

Ein Mann der Tat, der wenigen Worte und der schnellen Entscheidungen. Er kommt nicht, um zu heilen, sondern um zu schneiden. In seinem Werkzeugkoffer finden sich überwiegend spitze und scharfschneidige Instrumente. Er trifft auf ein Umfeld, das ihn nicht immer willkommen heißt. Seine Auftraggeber sind gelegentlich mit dem betroffenen Unternehmen ebenso wenig verbunden wie er selbst. Er wird an raschen Ergebnissen gemessen. Dafür wird er mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet, die aus der Ferne überwacht werden. Behutsamkeit, Geduld und Motivation werden von ihm nicht erwartet. Er macht keine Gefangenen. Seine Analyse ist kurz, trocken und zielgenau. Er lässt sich weder darin noch in der späteren Umsetzungsphase sonderlich beeinflussen. Er verfolgt strikt und konsequent den Kurs, den er mit seinen Auftraggebern vereinbart hat. Mit Widerständen rechnet er und kann damit umgehen. Seine Mandate sind von der Art, dass man eigene Führungskräfte dafür nicht verbrennen möchte. Er ist auf Allianzen nicht angewiesen, wohl aber auf Rückendeckung durch seine Auftraggeber. Seine Mandate haben unterschiedliche Laufzeiten, die bis zu zwei Jahren gehen können. Sein Honorar bewegt sich im oberen Grenzbereich und hat fallweise auch eine Erfolgskomponente. Er wird meist von Konzernen über Provider, größeren Banken oder direkt von Investoren beauftragt.

Der Reichweitenverlängerer

Ein Hilfsmotor wie er im Buche steht: offen, umgänglich, kommunikativ, verbindlich, geradlinig, berechenbar. Interne Vorbehalte gegen seinen Einsatz schmelzen rasch dahin. Seine Auftraggeber sind erfolgreiche Unternehmen, die weiter expandieren wollen und dafür temporäre Unterstützung brauchen. Seine Aufgabe ist konstruktiv, aufbauend, positiv. Die Mitarbeiter sind motiviert, qualifiziert und aufeinander eingespielt. Die Prozesse funktionieren weitgehend und brauchen nur selektive und behutsame Modifikationen. Die Unternehmensleistung ist auf einem hohen Niveau. In diesem Umfeld werden von ihm ein kooperativer Führungsstil, Anpassungsfähigkeit und respektvoller Umgang erwartet. Er handelt in Abstimmung mit Kollegen, bindet sie mit ein und überlässt ihnen seinen Anteil am Erfolg. Seine Mandate sind die klassischen Langläufer, die gern in die Verlängerung gehen.

Der Vielflieger

Der klassische Interim-Manager für Auslandseinsätze: er spricht die Landessprache, hat Führungserfahrung vor Ort, kennt die Mentalität und die verschlungenen Pfade der lokalen Administration, hat seine Arbeitserlaubnis über die Jahre regelmäßig verlängern lassen und seine lokalen Netzwerke gepflegt. Er hat bereits mehrere Einsätze im Auftrag europäischer Auftraggeber hinter sich und weiß, wie er sie bedienen muss. Meist hat er einen akademischen Abschluss an einer europäischen Hochschule erworben. All das hat seinen Preis, den er auch bekommt. Vor Ort übernimmt er offiziell oder real die Führung einer Landesgesellschaft, die in unterschiedlichen Situationen stehen kann: von kurz vor der Auflösung bis hin zur Integration lokaler Akquisitionen. Er vertritt gewissenhaft die Interessen seines Auftraggebers vor Ort, hält engen Kontakt zum HQ und setzt deren Erwartungen in lokale Aktion um. Meist ist sein Einsatz effektiver als die Entsendung eines internen Mitarbeiters, auch wenn er branchenfremd ist. Seine Einsätze können sich mehrfach verlängern, je nachdem wie schnell ein Nachfolger für ihn gefunden werden kann.

Der Spezialist

Sein spezielles Wissen ist auf dem freien Markt nicht zu bekommen. Er kennt die Anbieter und Abnehmer seines speziellen Marktsegments sehr genau. Er überblickt die Branche weltweit und macht keinen Unterschied zwischen Landes- und Sprachgrenzen. Er fliegt ein, wo immer man ihn braucht. Altersgrenzen gibt es für ihn nicht. Er weiß, was er wert ist, und bekommt seinen Tagessatz ohne Diskussion. In seinem Werkzeugkoffer sind tiefe und profunde Erfahrungen in seinem Spezialgebiet, die kaum jemand sonst hat. Typische Einsätze für ihn sind Schlüsselfunktionen in der Metallverarbeitung, die Umrüstung komplexer Anlagen oder die Organisation der Fertigung bei der Zusammenlegung mehrerer Betriebe mit unterschiedlichem Maschinenpark. Seine Hilfe ist wertvoller als die Person, die sie leistet. Daher kann es vorkommen, dass er es sich leistet, auch manchmal etwas knarzig daherzukommen. Diplomatie ist seine Sache nicht. Mitarbeiter seines Auftraggebers lässt er gelegentlich alt aussehen, was die ihm schon mal heimzahlen. Daher sind seine Einsatzzeiten stark schwankend. Er akquiriert keine Mandate, sondern lässt sich finden.

Der Bewahrer

Ein Statthalter, der eine Vakanz ausfüllt, die klar definiert ist. Er kommt nicht, um zu verändern. Er passt nahtlos in die Lücke, sowohl fachlich als auch von seiner Persönlichkeit her. Das verlangt von ihm ein erhebliches Maß an Anpassungsfähigkeit. Er trifft den Ton, entspricht dem „cultural fit“ und übernimmt den im Haus gepflegten Führungsstil. Er übernimmt die seiner Funktion gesteckten Ziele und entwickelt die entsprechenden Maßnahmen in Absprache mit seinen Kollegen. Er passt ins Konzert. Er nimmt sich zurück und Rücksicht auf gewachsene Strukturen, und bedient sich der gegebenen Prozesse. Er setzt durchaus Akzente, verlässt aber nicht seinen gesteckten Rahmen. Man findet ihn in Unternehmen, die ihre Abläufe nicht gestört sehen, sondern nur einen ausgefallenen Funktionsträger ersetzen wollen. Mandate dieser Art enden, wenn der Nachfolger in Festanstellung eintrifft. Das kann rasch gehen, meist aber zieht es sich hin.

Der Initiator

Der Mann der ersten Stunde, der z.B. für Start-up´s, den Aufbau neuer Geschäftsfelder oder für die Gründung von Niederlassungen gebraucht wird: hoher Antrieb, hands-on, umtriebig, entscheidungsfreudig und initiativ. Er braucht Freiräume, um schnell und vielleicht auch unkonventionell agieren zu können. Er kommt ohne Strukturen und Unterbau aus, setzt sein Improvisationstalent ein, ist an allen Stellen gleichzeitig und hat den Blick für Details. Im Umgang mit potentiellen Kunden, Investoren/Banken und lokalen Behörden trifft er den jeweils richtigen Ton und schafft Vertrauen. Sein Ziel hat er klar vor Augen und setzt seine begrenzten Ressourcen an den Stellen ein, wo sie die höchste Wirkung erzielen. In dieser frühen Phase des Unternehmens ist er multifunktional und nicht auf eine Position beschränkt. Solche Mandate laufen oft länger als gewöhnlich, 18 Monate sind nicht selten.

Der Treiber

Bringt neuen Schwung nach (zu) langer Vakanz einer Position. Nimmt lose Fäden und abgebrochene Gespräche wieder auf, führt die Beteiligten neu zusammen. Startet Prozesse neu, verabredet Ziele, setzt Termine, ordnet Kompetenzen und setzt ein enges Monitoring auf. Hierzu führt er viele Einzelgespräche, sondiert Interessen und sucht gemeinsame Grundlagen. Er bringt ein Gespür dafür mit, was sofort machbar ist und was erst in späteren Schritten erreichbar wird. Er fordert, lockt, verspricht. Er wirkt motivierend und inspirierend. Daher folgt seine Funktion eher dem „pull“-Prinzip als dem „push“-Prinzip. Als aktiver Schnittstellen-Manager ist er ausgleichend, beharrlich, methodisch, konsequent und neutral-sachlich. Seine Stärken liegen im psychologischen Geschick, im Finden und Ausbauen von Kompromissen und Verhandeln. Er entflechtet Komplexität und setzt Prioritäten, die von allen Beteiligten anerkannt werden. Er führt „qua personam“, seine Persönlichkeit ist der Schlüssel. Man findet ihn in allen Funktionen, die gerade ein Change Management durchlaufen, z.B. in post-merger-Situationen, Entflechtungen und im Projektmanagement.

Der Schönmacher

Der Meister Proper der Branche: er kommt um zu putzen. Er macht faltige alte Damen für einen letzten Beauty-Contest fit: den Verkaufsprospekt. Damit beginnt er schon lange vor dem Verkaufstermin, und das tut er leise und verschwiegen. Cashflow ist seine Devise, Auslagerung von Risiken und langfristigen Verpflichtungen, Verschlankung aller Unternehmensbereiche, Konzentration auf profitable Produkte und Kunden, etc. Er kennt die Stellschrauben, mit denen sich der Wert eines Unternehmens steigern läßt, und er weiß, nach welchen Methoden der Wert von Unternehmen ermittelt werden kann. Darauf konzentriert er sich, konsequent und rasch, ohne sich in die Karten blicken zu lassen. Seine Maßnahmen machen vor nichts Halt, und für manche davon findet er kein Verständnis. Das hält er aus. Von seinem Auftrag wissen nur wenige, und dabei soll es bleiben. Er ist sowohl Banker als auch Unternehmer, ein Spezialist für diese spezielle Funktion. Sein Rat ist teuer, aber auch an den Erfolg geknüpft. Er spielt in der Oberliga und ist gut vernetzt in der kleinen Welt der einschlägigen Helferlein bei Spin Off´s, Börsengängen und Firmenübernahmen.

Der Ausknipser

Der traurigste Job der Branche: er kommt, um das Licht auszumachen. Er sorgt für eine kontrollierte Schliessung von Unternehmen und Standorten, fährt die Produktion herunter, löst Lagerbestände auf, kündigt Produkte ab und sorgt für eine Resteindeckung bei Kunden und Ersatzteilen. Er kündigt alles, was einen Betrieb versorgt: Lieferanten, Kunden, Vermieter und Mitarbeiter. Er ist der „last man standing“. Von ihm erwartet man, daß er die Schliessungskosten so niedrig wie möglich hält und daß nichts mehr nachkommt. Er kontrolliert die Demontage von Maschinen und Anlagen, organisiert deren Abtransport und hält die bröckelnde Belegschaft bis auf einen letzten Rest zusammen. Was noch von Wert ist verkauft er, und was niemand will  entsorgt er. Er ist der letzte, der noch offene Rechnungen begleicht, und der letzte, der die Schlußbilanz unterzeichnet. Wahrhaftig kein Freudenfest. Dafür braucht man ein dickes Fell und einen gewissen Gleichmut, eine Prise trotziges Stehvermögen und hanseatisch-kaufmännische Prinzipienfestigkeit. Wo keine Perspektive ist, lassen manch andere alle guten Vorsätze fahren. Er nicht. Er sorgt für einen sauberen Abgang.

Reinhard SchützdellerDie Stellenbeschreibung allein reicht also nicht, um den passenden Interim-Manager zu finden. Der Auftraggeber sollte darüber hinaus eine klare Vorstellung davon haben, welche Erwartungen er an den Einsatz des Interim-Managers stellt.